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Der krumme Baum lebt sein Leben, der gerade Baum wird ein Brett - chinesisches Sprichwort –

 

 

 

Dieser Spruch zielt zuerst auf einen Bild ab. Es gibt Bäume, die ihr naturgemäßes Leben vollständig ausleben und Bäume, bei denen dies nicht der Fall ist, weil sie zu Brettern verarbeitet werden. Näherhin erfahren wir, dass dies von unterschiedlichen Eigenschaften der Bäume abhängt, nämlich einerseits: ein „gerader“ Baum zu sein und andererseits ein „krummer“ Baum zu sein. Die ganze Aussage zielt damit wohl auf den Sinn, dass ein krummer Baum nicht so geeignet ist, aus ihm Bretter zu machen wie aus einem geraden. - Diese These, sofern sie sich auf tatsächlich erfahrbare Sachverhalte in der Holzproduktion bezieht, müsste von dorther bestätigt werden. - Allerdings scheint intuitiv sogleich klar zu sein, dass dies nur als Bild dient, das sich eigentlich auf andere Sachverhalte beziehen will, nämlich nicht auf Bäume, sondern auf Menschen und deren Art und Weise zu sein, nämlich „krumm“ oder „gerade“ – und dies wohl eher im charakterlichen Sinne. (Nur nebenbei: philosophisch wäre an dieser Stelle außerdem zu prüfen, ob diese Übertragung des Holz-Bildes auf Menschen-Verhältnisse überhaupt akzeptabel ist. Man geht aber wohl ohne weiteres davon aus, daß mit diesem Sprichwort derart verfahren werden kann und sollte.) – Was wohl als innerste Botschaft damit gesagt sein will scheint auf der Hand zu liegen:. Wer „krumm“ ist und kein „gerader“ Mensch, der braucht sich nicht zu grämen, denn er hat einen Vorteil:- Nämlich sein Leben – mehr oder weniger unbehelligt – leben zu können. Während den „geraden“ – und damit verwertbaren - Menschen das Schicksal droht, auf ein gleiches Maß wie alle Anderen zurechtgestutzt zu werden, ein „Brett“ wie jedes/r andere zu werden – und damit ihres ureigensten Lebens verlustig zu gehen. – Wer nun diesen Gedanken folgt, könnte daraus fast eine Lebensmaxime ableiten, nämlich: „Stell Dich möglichst „krumm“ (oder umgangsprachlich: „dumm“) dann läßt man Dich am ehesten in Ruhe und Du kannst Deiner eigenen Wege gehen, und brauchst den Anforderungen der Anderen nicht ohne Weiteres gerecht zu werden….“ – Ich habe selbst einmal eine Erfahrung in diese Richtung gemacht. Als noch – einigermaßen jugendlicher, unerfahrener – frischgebackener Ehemann, wollte ich auch ein wenig Gutes zum aufblühenden Familienleben beitragen und übernahm den „Wäschedienst“. Nun stopfte ich unterschiedslos alle x-beliebigen Wäscheteile zusammen in die Maschine und kochte das Ganze – der Reinheit willen - mit 90o C. – Meine Frau war über das entsprechende Ergebnis (Verfärbungen, Einschrumpfungen usw.) natürlich völlig entsetzt, ermahnte mich nachdrücklich, gab mir aber noch eine Chance. Doch ich versagte wieder (und ehrlich gesagt: nochmals wieder) – meine Ausrede: Ich hatte die Ratschläge „in der Eile“ „vergessen“ – sodaß mir meine Frau schlußendlich verbot, noch jemals wieder an die Wäsche Hand anzulegen. Womit ich diese Aufgabe ein für alle Mal los war….

 

Anton Schmitt - Philosoph